Horst Seifert: Studiokeramik, Glasur und die Werkstatt in Koblenz-Arenberg
Horst Seifert gehört zu den deutschen Keramikern, deren Namen man auf dem Boden eines Gefäßes findet und nicht im Überblickskapitel einer Designgeschichte. Geboren 1933, gestorben 2014, arbeitete er ab 1958 in einer eigenen Werkstatt in Koblenz-Arenberg. In Händler- und Auktionsbeschreibungen wird er zusätzlich mit der keramischen Ausbildung im Westerwald, insbesondere mit Höhr-Grenzhausen, in Verbindung gebracht. Gesichert und für das Verständnis seiner Stücke entscheidend ist der Werkstattcharakter: einzelne Gefäße, eigene Glasuren, eine geritzte Signatur. Nicht zu verwechseln ist er mit der Töpferei Seifert im Hunsrück, die Gebrauchssteinzeug und Bembel herstellt. Derselbe Nachname, ein völlig anderes Arbeitsfeld.
Studiokeramik und Industrieware
Deutsche Keramik der 1960er und 1970er Jahre läuft im Handel oft unter einem Sammelbegriff. Fat Lava, West German Pottery, Scheurich, Steuler, Carstens: das sind in der Regel Fabriken. Eine Form wird als Modell festgelegt, mit einer Nummer versehen, in Serie gegossen oder überformt und danach mit wechselnden Glasuren belegt. Das Gefäß ist wiederholbar. Wechselt die Glasur, bleibt die Silhouette dieselbe.
Studiokeramik arbeitet umgekehrt. Die Werkstatt ist klein, der Brand überschaubar, die Form entsteht am einzelnen Stück. Gedreht, aufgebaut oder aus zusammengesetzten Teilen gefügt, trägt jedes Gefäß die Entscheidung des Tages. Horst Seifert steht auf dieser Seite. Seine Vasen, Schalen und Kannen sind keine Katalognummern. Boden, Wandung und Mündung dürfen vom Nachbarstück abweichen. Was die Stücke zusammenhält, ist die Handschrift der Glasur und die Signatur.
Diese Unterscheidung ist keine Wertung. Serienkeramik aus dem Westerwald ist ein eigenes, genau dokumentierbares Kapitel. Sie erklärt nur nicht, was man in der Hand hat, wenn unter dem Boden „Seifert“ geritzt steht.
Der Westerwald als Hintergrund
Koblenz-Arenberg liegt am Rand einer Landschaft, die seit Jahrhunderten von Ton lebt. Im Westerwald, mit Höhr-Grenzhausen als Zentrum, liegen große Tonvorkommen. Daraus entstand zuerst Steinzeug für den Gebrauch: Krüge, Mineralwasserflaschen, später Industriekeramik. Die Fachschule in Höhr bildete über Generationen Töpfer, Techniker und Glasurentwickler aus. Wer in dieser Region eine eigene Werkstatt aufmacht, erbt ein Wissen über Masse, Brand und Glasur, auch wenn er nicht für eine Fabrik arbeitet.
Seiferts Gefäße nutzen genau dieses Wissen, ohne die Logik der Fabrik zu übernehmen. Die Masse ist auf hohe Temperatur ausgelegt. Die Glasuren sind nicht als Dekor auf eine festgelegte Form gelegt, sondern als Schicht, die den Körper mitformt. In Auktionsbeschreibungen werden mehrschichtige Metalloxid- und Kristallglasuren genannt, teilweise reduziert gebrannt, in Blau, Beige, Braun, mit durchscheinenden und deckenden Zonen. Ocker und Grün kommen an anderen Stücken vor. Die Palette ist kein Markenzeichen im Sinne einer Hausfarbe. Sie ist das Ergebnis von Rezept, Auftrag und Ofen.
Wie eine Glasur entsteht
Eine keramische Glasur ist ein Glas, das auf dem Scherben schmilzt. Gemahlenes Quarz, Feldspat, Kreide und Metalloxide werden mit Wasser aufgetragen und im Ofenfluss flüssig. Beim Abkühlen erstarrt die Schicht. Farbe kommt fast nie aus einem Pigment, wie man es von der Malerei kennt, sondern aus Metalloxiden. Kobalt gibt Blau, Kupfer je nach Atmosphäre Grün oder Rot, Eisen Braun, Ocker und Honig, Mangan Violett bis Braun. Dieselbe Mischung kann in zwei Bränden verschieden ausfallen, weil Temperatur, Dicke des Auftrags und die Atmosphäre im Ofen mitentscheiden.
Zwei Atmosphären sind für das Lesen solcher Stücke wichtig. Im oxidierenden Brand ist Sauerstoff im Ofen. Kupfer bleibt grün, Eisen wird warm und erdig. Im reduzierenden Brand wird der Sauerstoff knapp gehalten, oft durch eine gedrosselte Feuerung. Kupfer kann rot werden, Eisen bricht ins Graue oder Schwarze, Oberflächen werden matt und tief. Seifert-Stücke mit blau-beigen, partiell reduzierten Glasuren sind in diesem zweiten Bereich zu verstehen. Die Farbe ist nicht aufgemalt. Sie ist eine Reaktion.
Darüber liegt bei ihm oft eine zweite und dritte Schicht. Mehrschichtigkeit heißt, dass Glasuren übereinander laufen, sich mischen und an Kanten stehen bleiben. Eine untere Schicht kann durch eine obere durchscheinen. Eine Schulter bleibt matt, der Grund wird satt. Das lässt sich steuern, aber nicht Stück für Stück wiederholen.
Kristallglasur
Kristallglasuren sind das anspruchsvollste Kapitel in diesem Zusammenhang. In der Schmelze bilden sich beim kontrollierten Abkühlen sichtbare Kristalle, oft wie Eisblumen oder kleine Sterne. Die Rezeptur ist zinkreich und kieselsäurereich. Zinkoxid macht die Schmelze bei hoher Temperatur dünnflüssig, die Teilchen können wandern und sich um Keime ordnen. Typische Spitzentemperaturen liegen im Steinzeugbereich, grob zwischen 1.260 und 1.290 Grad. Entscheidend ist nicht nur das Erreichen dieser Temperatur, sondern die Abkühlung. Zwischen etwa 1.200 und 1.050 Grad wird der Ofen in Stufen gehalten, manchmal Minuten, manchmal Stunden. In dieser Pause wachsen die Kristalle. Danach wird schneller abgekühlt, damit sie nicht wieder in die Schmelze zurückgehen.
Dicke des Auftrags, Neigung der Wandung und die Stelle, an der ein Keim sitzt, verändern das Bild. Zwei Gefäße aus demselben Versatz, im selben Ofen, tragen nie dasselbe Muster. Eine Kristallglasur ist deshalb immer ein Unikat, auch wenn die Form vertraut wirkt. Für den Betrachter erklärt das, warum eine Seifert-Vase nicht über ein Dekor zu identifizieren ist. Es gibt kein wiederkehrendes Motiv. Es gibt eine Art zu brennen.
Drehen, Aufbauen, Brennen
Die meisten Gefäße einer solchen Werkstatt entstehen auf der Scheibe. Der Tonklumpen wird zentriert, geöffnet, in die Höhe gezogen. Wandstärke, Standring und Mündung sind Entscheidungen der Hand. Danach trocknet das Stück lederhart, wird abgedreht, der Fuß wird geschnitten. Ein zweiter Weg ist der Aufbau aus Wülsten oder Platten. Er erlaubt ovale, gedrückte und absichtlich unregelmäßige Körper, die auf der Scheibe so nicht entstehen. Beide Wege kommen in der deutschen Studiokeramik der 1970er und 1980er Jahre vor.
Gebrannt wird in der Regel zweimal. Der Schrühbrand, deutlich unter der Endtemperatur, macht den Scherben fest und porös genug, um Glasur anzunehmen. Der Glasurbrand bringt das Stück auf Steinzeugtemperatur. Erst dort schmilzt die Glasur, sintert der Scherben und wird dicht. Abplatzungen an der Mündung, Nadelstiche, ein Glasurtropfen am Fuß sind Spuren dieses zweiten Brands, keine Schäden im Sinne einer Serienkontrolle. An Studiokeramik gehören sie zur Entstehung.
Signatur und Abgrenzung
Gesicherte Arbeiten tragen eine Ritzsignatur, in der Regel „Seifert“, unter dem Boden. Jahreszahlen kommen vor, sind aber nicht die Regel. Eine eingeprägte Modellnummer, ein Ländereindruck wie „W. Germany“ oder ein Fabrikstempel fehlen. Das ist der praktische Unterschied zur Industrieware. Fehlt die Ritzung, bleibt eine Zuschreibung vorsichtig. Kristallglasuren und Laufglasuren wurden in vielen deutschen Studios verwendet. Die Glasur allein nennt keinen Namen.
Beim Einordnen hilft die Unterseite mehr als die Vorderansicht. Eine geritzte Signatur sitzt im lederharten Ton, nicht als nachträgliche Gravur in der fertigen Glasur. Der Standring ist oft unglasiert oder nur überlaufen. Brandspuren, ein Tripod-Abdruck oder drei kleine Stellen, an denen das Stück im Ofen aufgestellt war, gehören zum Werkstattbrand. Ein aufgeklebtes Händleretikett sagt über die Entstehung nichts.
Einordnung
Seifert ist kein Designklassiker im Sinn eines in Serie gegangenen Entwurfs. Er ist ein Beispiel dafür, wie nach 1960 neben den großen Keramikwerken kleine Ateliers weitergearbeitet haben. Das Wissen kam aus dem Westerwald, die Entscheidung blieb am einzelnen Gefäß. Wer solche Stücke sammelt oder einordnet, sammelt keine Modellreihe. Er sammelt Brände.
Im Shop: eine signierte, handaufgebaute Seifert Studiokeramik-Vase mit Ocker-, Braun- und Grünglasur aus den 1970er/80er Jahren.
Einen anderen Weg deutscher Werkstattkeramik zeigen Heiner-Hans Körting und die Geschichte der Dornburger Werkstatt vom Bauhaus bis zu den Körtings: eine ehemalige Schulwerkstatt, später ein Familienbetrieb mit Relief und Tierplastik.
Häufige Fragen zu Horst Seifert
Wer war Horst Seifert?
Ein deutscher Keramiker, 1933 bis 2014, mit eigener Werkstatt in Koblenz-Arenberg ab 1958. Seine Gefäße sind signierte Studiokeramik mit oft mehrschichtigen Glasuren.
Ist das dieselbe Werkstatt wie die Töpferei Seifert im Hunsrück?
Nein. Die Töpferei im Hunsrück stellt Gebrauchssteinzeug und Bembel her. Horst Seifert arbeitete als Studiokeramiker in Koblenz-Arenberg.
Woran erkennt man ein Stück von Horst Seifert?
An der geritzten Signatur „Seifert“ unter dem Boden, am Werkstattfuß und an einer Glasur, die nicht zu einer festgelegten Modellform gehört. Ohne Signatur ist die Zuschreibung unsicher.
Was ist eine Kristallglasur?
Eine zinkreiche Glasur, in der beim langsamen Abkühlen sichtbare Kristalle wachsen. Jedes Stück fällt anders aus.